Subkulturen-Check
Samstag, Juni 28th, 2008Hinweis: Es folgt ein planlos ausufernder sozialanalytischer Sermon, der über 30 Sekunden Aufmerksamkeitsspanne erfordert. Ungeduldige können auch sofort zum Video scrollen, verpassen dann allerdings wahnsinnig erhellende Erkenntnisse.
Irgendwann kommt ein Punkt im Leben, wo man ernsthaft erwägen muss, nicht mehr zu den so genannten Jugendlichen zu gehören. Die Erkenntnis kommt dann recht schnell, denn die Anzeichen häuften sich, bis man sich die unvermeidbare Frage stellt: Waren wir früher genau so? Das ist der Anfang vom Ende. Die Antwort müsste eigentlich ein gebrülltes NATÜRLICH! sein. Nun neigen Ansichten aber dazu, subjektiv zu sein, was dazu führt, dass wir uns selbst mit kreativen Erinnerungsleistungen beruhigen: “Ach was, wir hatten wenigstens noch / wir konnten ja noch / wir wussten immerhin …” etc. Ein Teufelskreis. Bald fängt man womöglich an, nach Gründen zu suchen, für Dinge, die man nicht mehr nachvollziehen kann. Vergeblich. Die Jugend wird seit Beginn der Zellteilung von dämonischen Einflüssen verdorben, lediglich die Schuldigen changieren. Da ist von Bildung, Aufklärung, Demokratie, Negermusik, Romane, Kino, Minirock, Comics, Petting, Disco, nochmal Negermusik, Privatfernsehen, bis zu Frauenwahlrecht, SMS und Internet (Liste unvollständig) für jede Generation was dabei. Gleich bleiben die Denkstrukturen.
Denkt man den Sachverhalt weiter, bemerkt man möglicherweise, dass es vielleicht unvermeidbar sein wird, irgendwann zum teleshoppenden Spießer zu mutieren. Evolutionsvorteil oder so. Das beginnt dann etwa so: Wir haben damals keine prutalen Videos übers Mobiltelefon getauscht! (vom Besitz eines solchen ganz zu schweigen.) Wir hatten nur Yps mit Gimmick! Hätten wir’s getan, wenn wir’s gekonnt hätten? Selbstverständlich. Wir mussten uns damals unsere Schmuddelheftchen mühsam aus dem Altpapiercontainer fischen. Wir mussten uns zu siebt per Rotationssystem eine, ja EINE Porn-VHS teilen (und zwar eine schlechte). Heutzutage sind bewegte Bilder nur zwei Klicks entfernt. Hätten wir’s uns schon früher gewünscht? Na klar! Wir hatten auch auch schlechte Musik gehört, bevor einige wenige so etwas wie Stilempfinden entwickelten. Aber die stammte wenigstens von Menschen (oder zumindest Menschenähnlichen) und nicht von neurotischen halbnackten Amphibien, besoffenem Hornvieh oder was weiß ich, was sich die Klingeltonmafia gerade zusammenhirnwichst. Schwupp, ist man drin in der Entjugendlichung. Fortan wird man junge Menschen stets kritisch beäugen, wird mit Sie angeredet (im besten Fall) und versteht deren Sprache nicht mehr. Deprimierend.
Die wenigsten sind vor dem Erwachsenwerden sicher. Da kann man in der Schule noch so geile Stunts gemacht haben und vor Lockerness fast zerbröselt sein. Bei mir ist es auch schon so weit, fürchte ich. Vermutlich schon länger. Es fing wahrscheinlich schon an, als mir außer Fahrradfahren und geplantem Ladendiebstahl kein Grund einfiel, wieso man sich die Hose in die Socken stecken sollte. Die Vanilla Ice-Imitatoren, die ich beobachten konnte, waren aber allesamt zu Fuß unterwegs und so viele Ladendiebe wird’s auch nicht geben. Außer extrem scheiße auszusehen hat die Sache also keinen praktischen Nutzen. Muss also so ein Abgrenzungsding sein. Ein weiteres sicheres Zeichen für meine schwindende Jugend ist, dass ich immer noch nicht ganz verstanden habe, was denn nun eigentlich ein “Emo” sein soll. Ich vermute, aber, dass Menschen, die sich selbst als solche bezeichnen, es selbst nicht wissen. Laut Wikipedia ist der Kram in der Gegenwart hauptsächlich als jugendkulturelles Modephänomen zu verstehen. Dann wird’s aber unheimlich kompliziert und vage und so und ich hab auch keinen Bock mehr … Das Entscheidende ist wohl: Es ist mir auch egal. Ich hab anderes zu tun. Bausparverträge und sowas.
Ich stelle nur noch eben fest: Abgrenzung gab’s auch schon immer und muss auch sein, aber dann doch bitte mit etwas Inhalt. Einfach nur bescheuert aussehen reicht irgendwie nicht aus. Damit wäre auch schon elegant zum nun folgenden Schock-Video übergeleitet. Es könnte von dem Ausmaß an Dämlichkeit gesehen auch ein Zeitgeistthema des kürzlich beerdigten Polylux gewesen sein. Nein. Eigentlich hätte so etwas nicht mal der debilste ARD-Praktikant als Beitrag vorgeschlagen. Dieses Beispiel dessen, was die Medien heute gerne mit einer Reportage verwechseln, stammt aus dem österreichischen Ichhättefastunterschichtenfernsehengesagt und ist einer dieser wunderschönen Boulevard-Nonsensgeschichten, vom Sprecher mit dieser üblichen “Das ist ja alles schon irgendwie doof aber wir sind uns trotzdem nicht zu schade, über diesen Blödsinn auch noch zu berichten”-Diktion unterlegt. Man findet dies regelmäßig auch in einer beliebigen deutschen “Informationssendung”, wie Punkt 12, wo gerne mal irgendwelchen reichen Pappnasen pseudokritisch beim reich sein zugesehen wird.
Nun aber endlich die erschreckende Wahrheit über die Jugend Österreichs:
Die alles entscheidende Frage: Hätte ich das schon mit 15 beknackt gefunden? Jep. Ich geh jetzt krochen teleshoppen. Vielleicht so ne Neon-Erdnussfarmermütze …